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La Sonnambula
IGH-2
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Luzerner Theater
Premiere 26.03.2010

Oper

 von Vincenzo Bellini

 

 

 

Konzept,Regie:  Lorenzo Fioroni
Umsetzung:  Johannes Pölzgutter 
Dirigent:  Rick Stengårds
Bühnenbild:  Paul Zoller
Kostüme:  Katharina Gault
Licht:  David Hedinger
 

 

 

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Lorenzo Fioroni hat sich mit seinen Inszenierungen insbesondere in Deutschland einen Namen geschaffen und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. In seinem Heimatland hat der aus dem Tessin stammende Re­gisseur hingegen noch nie eine Oper auf die Bühne gebracht. Mit «La sonnambula» ist nun erstmals eine seiner Regiearbeiten in der Schweiz zu sehen.

Die Inszenierung übernimmt das originale Setting in einem abgeschiedenen, idyllischen Schweizer Dorf, spitzt die Abhängigkeiten zwischen den Figuren aber deutlich zu. Sie geht von der Beobachtung aus, dass die behauptete Liebe zwischen Amina und Elvino, den Hauptfiguren der Oper, durchaus in Frage steht: Elvino hängt einem abstrakten Frauenideal hinterher, ohne Amina als konkretes Gegenüber mit eigenen Bedürfnissen und Empfindungen wahrzunehmen. Er glaubt blind seinem ersten Verdacht ihrer Untreue, und es ist nicht seine Liebe, die ihn eines besseren belehrt, sondern erst der konkrete, mit eigenen Augen wahrgenommene Beweis. Von Romantik keine Spur also. Und so führt die Geschichte der jungen armen Waisen, die schutzlos in einer abgeschlossenen Gemeinschaft aufwächst und dieser mit einer glücklichen Heirat zu entfliehen hofft, zwangsläufig in die Katastrophe …

«La sonnambula» ist die einzige Bellini-Oper, die sich eine ununterbrochene Aufführungstradition sichern konnte. Zu Recht: Die Musik zählt zu den schönsten Schöpfungen des romantischen Repertoires, die Titelpartie nutzten seit ihrer Komposition zahlreiche Sängerinnen zur Beförderung ihres Ruhmes – von Giuditta Pasta und María Malibran über Maria Callas und Joan Sutherland bis zu Natalie Dessay und Cecilia Bartoli. Das Luzerner Theater bringt nicht die neue, tiefer transponierte kritische Edition, sondern die bis dahin gängige Alte Ricordi-Ausgabe zur Aufführung.

Wenn sich das Unterbewusstsein unkontrolliert Ausdruck verschafft, hilft keine noch so kunstvolle Fassade mehr. Der Schein bürgerlicher Anständigkeit verliert seine Glaubwürdigkeit. In dem Libretto zur Oper «La sonnambula» behandelt Felice Romani das Phänomen mit Parteinahme für die Angeklagte: Die Blamage liegt nicht bei der Schlafwandlerin, deren bewusstloser Körper soziale Normen missachtet, sondern bei der Gesellschaft, die sittliche Korruption für die einzige Handlungsmaxime hält.

Eine junge Waise wird am Vorabend ihrer Hochzeit im Bett eines anderen Mannes erwischt. Obwohl beide ihre Unschuld beteuern, gilt der Verdacht als Vergehen. Selbst die Vermutung, dass es sich bei der scheinbar Untreuen um eine Schlafwandlerin handeln könnte, taugt nicht zur Versöhnung, zu sehr sind gegenteilige Interessen anderer Personen mit im Spiel …

Ob Wahnsinn, Seelennot oder Traumvisionen – Vincenzo Bellini, der Meister der langen Melodien, verhängte für seine Opernheldinnen den Ausnahmezustand, weil dieser nur den zu neuerlicher Blüte gebrachten Belcanto inhaltlich zu begründen vermochte. In «La sonnambula» ist es die geisterhafte Existenz zwischen Rea lität und Phantastik, die der vokalen Virtuosität der Protagonistin dramatischen Sinn verleiht. So schuf der Komponist innerhalb des handfest-rustikalen Ambientes eines Schweizer Dorfes nicht nur eine Paraderolle für Koloratursopran, sondern auch ein Meisterporträt der romantischen Frau schlechthin: einer femme fragile, die sich – unbewusst – vor den Repressionen der Umwelt in Grenzbereiche des Daseins flüchtet.